Es stellt sich schnell der Eindruck ein, dass „Pop“ im Titel eigentlich schlicht Populär-Musik meint. Das Genre Pop wird dementsprechend um all die Facetten erweitert, die jemals stark genug waren um einen Hype auszulösen- Beat, Metal, Punk, Kraut-Rock, Wave, whatever. Die Begrifflichkeiten mögen diejenigen verwirren, die nur den King of Pop und Madonna als Pop wahrnehmen. Legt ein Mod Pop auf könnten anders sozialisierte Musikfans das auch als Garage Rock oder frühen Punk einordnen.
GEBHARDT und STARK durchwandern die verschiedenen Epochen der Musikgeschichte chronologisch und starten mit dem Blues, der so viele weitere Genres hervor gebracht hat. Der Leitfaden wird durch die internationalen Strömungen vorgegeben und wird dann immer wieder auf die deutsche Musikszene bezogen. Das macht das Buch wirklich interessant. Deutsche Jugendliche und ihre Altersgenossen weltweit haben den amerikanischen Rock´n´Roll und den britischen Punk entdeckt, adaptiert und für sich neu interpretiert. Negative Auswüchse wie der Rock´n´Roll-Schwiegersohn Bernd Kraus, der aus der revolutionären „Neger“-Musik ein blasses, deutsches U12-Plagiat machte ließen sich dabei natürlich nicht verhindern. In der piefigen BRD der 50er Jahre hätte man wahrscheinlich auch aus dem Horrorstreifen „The Ring“ einen familientauglichen Unterhaltungsfilm mit Peter Alexander und Harald Juhnke gemacht.
Entweder die Aufmachung des Buches soll einen wissenschaftlichen Anspruch unterstützen oder sie ist schlicht ziemlich altbacken. Die grafische Gestaltung gerät bei „WEM GEHÖRT DIE POPGESCHICHTE?“ deutlich in den Hintergrund. Eigentlich schade, da das Thema Pop ja durchaus einen belebenden Effekt zugelassen hätte. So wirkt das Buch rein optisch allerdings wie ein Sexualkundebuch in den 80ern. Boooring und anti-sexy. Sehen wir das Buch eher als wisschenschaftliche Abhandlung als eine Hommage an die Pop Geschichte stört das nur noch halb so sehr.
Interviews, Songtexte und zum Teil gut recherchierte und originelle Exkurse machen das Buch sehr interessant, wenn gleich es bei dem Umfang des Themas natürlich nur relativ oberflächlich bleiben kann. Duch die Bezüge vom internationalen Markt hin zur deutschen Szene bleibt es aber nicht ausschließlich an der Oberfläche des Themas, sondern widmet der individuellen Entwicklung hierzulande einen ausgesprochen deutlichen Anteil.
Dass Rock´n´Roll, Punk, Metal und andere Stil-Richtungen aber nicht nur Musik-Genres sind, sondern Jugendliche millionenfach in einen subkulturellen Bann zogen, zeigt den sozio-kulturellen Einfluss von Musik. Geht es nach unserem ehemaligen Außenminister Josef Fischer, hat die deutsche Politik-Szene ja mit ihm den letzten Rock´n´Roller verloren. Mal abgesehen, dass man es der Politik nicht zugetraut hätte, aber vielleicht hat er trotz der peinlichen Selbstbeweihräucherung sogar Recht. Ein rock´n´rollender Politiker ist allerdings dennoch noch lange kein politischer Rock´n´Roller. Die letzte Rock´n´Roll-Aktion in Verbindung mit Fischer sah ihn ja sogar nur noch als Opferlamm vor und fand schon lange vor seinem Ausscheiden statt. Da musste Anarcho-Joschka nur am Redner-Pult stehen und sich eine Farbbombe an die Birne werfen lassen. Wenn er eines Tages nun auch noch seinen Posten als politischer Berater des Energieversorgers RWE verlassen und in den Ruhestand entlassen wird, wird damit wohl auch der letzte Rock´n´Roller der Energie-Lobby abtreten. Alles eine Frage der Definition also.
ISBN13: 978-3-86543-289-6 (Bosworth Edition)


